ein Nachmittagskonzert

Vielleicht doch ein wenig zu euphemistisch, um das zu beschreiben, was in den letzten drei Tagen in Berkeley los war. Ach was sag ich, an allen 10 Campi der University of California. Es wird gestreikt.

Dass Kalifornien tief in der Finanzkrise steckt, hatte ich ja schon mal Anfang des Semesters angedeutet. Konkret fehlen Arnold $30 Billionen Dollar. In Folge dessen wurden dem Unisystem $813 Millionen gestrichen, UC fehlen somit $139 Millionen im Budget. Und wie holt man das wieder rein? Ist doch klar, man streicht das Kursangebot massivst, feuert knapp 2.000 Angestellte und streicht 1.600 Neueinstellungen, die Bib macht merkbar früher zu und teilweise nötige Renovierungsarbeiten werden ausgesetzt. Gleichzeitig ist aber auch Geld da, den Glockenturm für ein paar mehr Millionen zu verschönern. Die letzte Hiobsbotschaft war die angekündigte Anhebung der ohnehin schon zum Himmel schreienden 10.000 Studiengebühren pro Jahr um 32%.

Das war dann zu viel. Am Mittwoch haben sich also knapp 5.000 Berzerkeleyaner zu einem Stadtspaziergang versammelt, der die Stadt lahmgelegt hat. Nach wirklich dramatischen Reden auf Sproul Plaza war die Stimmung heiß genug, den Ärger in die Stadt zu tragen. Dort haben wir auch gleich mal das Berkeley City College besetzt. Inzwischen kamen schon die Nachrichten von den ersten Verhaftungen in L.A., wo sich die Unileitung versammelt hatte, über den neuen Masterplan abzustimmen. Wieder zurück auf dem Campus wurde das Verwaltungsgebäude bestreikt.

Der guten Protesttradition Berkeleys treu, blieb alles sehr laut, aber doch friedlich. Und sogar kreativ. So bestand der Protest gestern darin, Müll vor den Hauptsitz der Verwaltung abzuwerfen, die sich in das Gebäude eingeschlossen hatte. Und was dabei zusammengekommen ist bei einem so großen Campus wie Berkeley, kann man sich ja vorstellen. Auch wird hier eher rhythmisch Dampf abgelassen statt aggressiv zu werden.

Das ist dann doch erstaunlich ist angesichts dessen, dass ein Bachelorstudium bisher etwa $50.000 kostet. Und das nur für Kalifornier. Amis aus anderen Staaten zahlen das Doppelte, internationale Studenten sind mit $30.000 pro Jahr dabei. Masterstudenten wie Katherine zahlen $50.000 pro Jahr. Damit ist natürlich noch kein Cent für horrende teures Wohnen drin. Die meisten Studenten müssen Kredite aufnehmen, um sich eine Universitätsausbildung leisten zu können und/oder nehmen sich ein Semester frei, um in der Zeit irgendwie das Geld zusammenzukratzen. Wer den Master haben will, hat reiche Eltern oder muss sich was überlegen.

Mit der Nachricht, dass die Studiengebühren gestern doch angehoben wurden, gehts aber jetzt erst richtig los. Eines der größten Unigebäude wurde in der Nacht besetzt, das Polizeiaufgebot massiv aufgestockt, um die Leute rauszukriegen und noch mehr Studenten zusammengetrommelt, um wiederum die Polizisten davon abzuhalten. Strömender Regen hat niemanden abgehalten, zumal auch deshalb nicht, weil von drinnen die Nachricht kam, es sei Tränengas und Gewalt angewandt worden, statt wie vereinbart zu verhandeln.

Es ist jetzt früher Abend, die Polizeisirenen kann man heulen hören und über der Stadt kreisen die Hubschrauber. Ich werd noch mal spazieren gehn.

3 Antworten zu „ein Nachmittagskonzert“

  1. Der Dirk sagt:

    Lieber Mittendrin als nur dabei? Hier in Berlin sind auch die Studenten los, aber leider nicht so kreativ wie bei dir… Aber auch Polizei und deren Gewalt steht hier und dort auf der Tagesordnung mancher Uni, statt Anwesenheitslisten und lahme Dispute mit manchem Dozent.

    Pass gut auf dich auf, große Cousine.

    Dirk

  2. Tim sagt:

    Da möchte ich mich meinem Vorredner anschließen. Pass auf, dass dich die Staatsmacht nicht zufällig für eine revolutionäre Person hält…

    Im Statistikkurs bei Prof. Holltmann haben die Studenten mittlerweile ihre eigene Methode gefunden um mit dem Problem der Anwesenheitsliste umzugehen… Sie verschwindet während der Vorlesung.

    Grüße aus Berlin

    Tim

  3. mareine sagt:

    Solidarische Grüße nach Berkeley!: )

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