2. Halbzeit

Es macht sich derzeit eine Erkenntnis breit, welche mir einerseits ein bisschen schwer ums Herz werden lässt, mich andererseits überrascht und wieder anders auch ganz hibbelig macht – die zweite Halbzeit an der Westküste wurde soeben angepfiffen.  Genau heute in vier Monaten ist mein Studium in Berkeley zu Ende.

Ums Herz wird mir schwer, wenn ich daran denke, dass ich aus dem sonnigen Leichtleben Kaliforniens raus muss;  dass ich  Berkeley, Hassliebe des Metropolen gewöhnten Europäers, den Rücken kehre im Tausch gegen einen Einblick in die großen Weiten der Welt und nicht schließlich auch weit, weit weg muss von San Francisco, der goldenen Stadt der Freiheit, des Glücks und der Träume. Überraschend kommt das Ganze weil ich hier eine wunderbare Zeit verbracht habe und im Traumtänzeln natürlich den kleinsten Teil damit vertan habe, mir um selbige Gedanken zu machen. Es ist nicht alles so gekommen, wie ich mir das in meinen Seifenblasenträumen ausgemalt hatte. Einige Dinge waren einfach nicht drin, wie die Ruderer im Morgennebel, die sich bei dem Klima wahrscheinlich einfach nicht gut machen. Oder die Vorstellung von Berkeley als Kleinod authentisch und mit Stolz konservierten Rebellentums früherer Jahrzehnte. Daneben gab es aber viele Dinge, die ich mir nicht so genau vorgestellt hatte, aber glücklich darüber bin, wie sie gekommen sind. Freunde aus den verschiedensten Ecken der Welt zählen hier mit rein genau so wie die Möglichkeit, ganz fernab von allem Gewohnten plötzlich aufzuwachen und sich dessen bewusst zu sein, ganz frischen Wind um die Nase zu haben.

Wenn ich daran denke, was genau ich erwartet oder nicht erwartet habe und was anders ist und was nicht oder was hätte sollen, können und müssen, verschwimmt alles in einem Einheitsbrei, dessen Details ich natürlich nicht mehr so wahrnehme wie am Anfang und stattdessen zur Selbstverständlichkeit geworden sind. In diesem Sinne werfe ich hier mal diverse Schnappschüsse wild durcheinander.

Platz Nummer eins: Kalifonier sind freundlich. Das ist an sich eine ganz wunderbare Sache, die einen anfangs völlig perplex aber euphorisch setzt wenn man von wildfremden Menschen einfach so angestrahlt wird, dann einem ziemlich auf die Ketten geht da es anscheinend keinen vernünftigen Grund gibt für dämliche Dauergrinserei und man versucht, dezent dagegen zu kontern, und dann einfach ganz wunderbar ist, sobald man sich drauf einlässt. Ich wurde zwar mal (vollkommen ernsthaft!) gefragt, ob Deutsche lächeln, aber das muss eine wirklich schlimme Ausnahme an blöder Frage gewesen sein und ich glaube, dass ich hier ins Bild passe.

Im gleichen Atemzug sind selbst die unschuldigen Kalifornier vergleichsweise oberflächlich und unzuverlässig. Nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte, aber es reicht.

Nein ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kein Wort. Absolut nicht.

Ich kann immernoch nicht surfen. Muss dieses Semester angefangen werden! Genauso wie das Vollmondsegeln auf der Bay mit Sicht auf San Francisco, is ja klar. Das lässt sich vergleichsweise leicht einrichten. Von einer Riesenportion Glück ist allerdings abhängig, ob ich im Glockenturm Carillon spielen darf – an dieser Stelle Daumen drücken!

Ganz besonders freue ich mich auf den Luxus eines eigenen, abschließbaren Bades.

Allergrößtes und am meisten vermisstes Vergnügen wird es sein, ausgedehntst auszugehen. Mal wieder sich um Mitternacht loszumachen statt dann schon wieder auf dem Weg Richtung Wohnung zu sein. Auch ganz wichtig weil hier nich zu haben ist ein gepflegter Bass.

Amerikaner tanzen übrigens komisch.

Vermissen werde ich Erdbeeren im Winter und Orangen vom Nachbarbauer. Nicht vermissen werde ich dagegen Erdnussbutter. Mit oder ohne Stückchen, is mir völlig egal, des is nich. Zeit wird es für richtigen Käse und einen gepflegten Kaffee statt zehn refills.

Sich ein Zimmer zu teilen ist nicht so schlimm wie befürchtet. Aber Robert schnarcht.

Unwiederbringlich sind die amerikanischen Profs. Wer hier Kurse besucht hat, braucht keinen Stefan Raab. Genauso wird es wohl keine ähnlich gut bestückte Bibliothek geben, in der man sich verlaufen könnte und Bücher zu wirklich jedem Thema findet (Hat schon mal jemand über die Demokratie gefährdende Wirkung der Tourismusindustrie auf Hawaii nachgedacht?).

Trotzdem ein Hoch auf das staatliche Unisystem Europas, in dem eine Finanzkrise nicht zu einer ähnlich unfassbaren Kürzung des eigentlich umwerfend vielseitigen Kursangebotes geführt hat, die mich gerade in den Wahnsinn treibt. Zum Glück aber ist der beirut game Kurs nicht von der Budgetkürzung betroffen.

Staatliche Förderung lernt man erst dann richtig schätzen, wenn man sie nicht hat – eine Krankenversicherung, die was abdeckt, öffentlichen Nahverkehr, der pünktlich ist und Bildung, die bezahlbar bleibt. Hier werden sich über knappe neun Prozent Mehrwertsteuer aufgeregt. Wenns um die Diskussion geht, stehn der Schwede und ich da wie Spinner.

Der Schwede ist der erste seiner Art, den ich je getroffen habe. Aber den Ahaeffekt hatte ich ziemlich oft in den letzten Monaten. In einem entsprechend internationalen Umfeld war ich noch nie und es ist herrlich! Dabei merkt man aber auch ganz deutlich, dass die Welt nicht so globalisiert ist, wie  befürchtet – und das ist auch herrlich!

Fehlen wird mir die Aussicht auf die Golden Gate Bridge direkt aus dem Fenster.

Das die Gedanken der ersten Hälfte. Wir schaun, was in der zweiten dazu kommt.

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