comparative blogging

Nachdem ich den heutigen Nachmittag mal ganz lockerlässig verpennt habe, meldet sich bei mir das Bedürfnis, meine Gedanken in die Welt zu schreiben. Inspiriert von Markus´ neuestem Eintrag geschieht das heute mal als Spiegel der Ereignisse der letzten beiden, die sich noch im Auslandsjahr befinden. Auf gehts.

Auch bei mir ist schon wieder der erste Monat im neuen Semester rum und die erste Zwischenprüfung steht Dienstag auf dem Plan. Wie schnell ist das nun wieder gegangen? Mittlerweile steht jetzt mein endgültiger Stundenplan fest. Entgegen dem erasmenfeindlichen Prof sind bei mir allerdings alle ziemlich glücklich, jemanden aus Europa in ihren Kursen zu haben. Da wäre zum Beispiel der Masterkurs über China, in dem ich als Küken in einer Gruppe von sechs Leuten schön intensiv über die Politik und Zukunft des fernen Landes debattiere und der Prof immer glücklich und zufrieden ist über eine etwas andere Perspektive aus Europa. Oder der Kurs über Ethik in den Internationalen Beziehungen, in dem sich das anfängliche “oooh” über die offensichlich nicht aus Amerika Stammende in “aaah” verwandelt hat, weil ich Kant im Original gelesen habe. In meinem Italienischkurs ist der Dozent glücklich über ein nicht genuscheltes RR. Nur in dem Seminar über die Konflikte im Mittleren Osten hab ich meine Identität als Deutsche noch nicht gelüftet. Das ist aber vielleicht auch verständlich, wenn es zunächst darum geht, warum der Staat Israel gegründet wurde.

Wenn wir schon beim Studium sind. Das Engagement ist hier wirklich unglaublich. Abgesehen davon, dass ich dieses Semester den Eindruck habe, mir mit meinen Kursen Sinn in die Zeit von 8-6 gebracht zu haben, ist es unglaublch toll, wie sich hier um die Studenten gekümmert wird. Mittlerweile ist mein Mailpostfach voll mit Ideen, Gedankenanstößen und Artikeln der Profs, die machen sich wirklich Gedanken. Mit dem Dozent aus Italienisch twittern wir immer schön. Heute Abend gibts dann auch nen italienischen Filmabend. Und Italienisch ist so toll! Das macht unglaublich Spaß, denn mittlerweile sind wir soweit, dass wir schön über alles Mögliche vor uns hinplappern können. Und dabei hab ich erst letztes Semester angefangen. Bin begeistert.

Weiter mit der Feierkultur. Mittlerweile bin ich ja umgezogen und ich liebe dieses Haus schon alleine deswegen, weil sich hier mit 37 Mitbewohnern regelmäßig Spontanparties veranstalten lassen. Und wenn die mal nicht sind, fährt man halt nach San Francisco. Da war ich am letzten Wochenende zum Beispiel auf Roller Skates tanzen. Zu Siebzigerdisko, ganz famos. Oder diesen Samstag, da ist Kissenschlacht mitten auf Union Square. Oder halt einfach tanzen auf dem Dach, mit Palmen drumherum und dem Spektakulärblick auf die schöne Stadt gegenüber. Was den Rest der Feierei hier angeht dürfte es aber auch nicht anders sein als bei Markus´ Sono Soirée beschrieben. Es ist mir zwar immernoch nicht nachvollziehbar aber immerhin gewohnter Anblick, was passiert, wenn es um den Genuss alkoholischer Getränke the american way geht. Das Volumen-Zeit-Verhältnis geht weit über britische Bräuche hinaus, allerdings können die Inselbewohner die Konsequenzen wahrscheinlich besser einschätzen. Und die haben zumindest auch Gebräu, was man als vernünftiges Bier bezeichnen könnte. Aber egal, Party is Party.

Da fällt mir auch spontan der super bowl am Sonntag ein. Was in Miami um sechs gestartet hat, war für die hiesigen Leute mit Zeitverschiebung die beste Ausrede, schon vor Mittag nen Fass aufzumachen. Nun hatte ich mir die Regeln vorher erklären lassen, damit ich auch weiß, nach welchem System die da rumrennen. Ja gut, Fußball ist trotzdem spannender. Aber was eine Gruppe männlicher Amerikaner veranstaltet, wenn wer Punkte gelandet hat, ist ja überhaupt nichts gegen die Reaktion auf ein Tor bei der Weltmeisterschaft. Nichts. Überhaupt nichts.

Punkt drei, das Klima. Wenn Markus also auf den Berg vor dem Fenster schaut und nichts als Schnee sieht, seh ich auf den Campus und hab Magnolien in voller Blüte. Oder japanische Kirschblüten im Golden Gate Park. Oder ich hab vor meinem Haus Osterglocken, an denen die Kolibris schnäbeln. Das klingt jetzt ein bisschen unrealistisch, ich weiß, aber es ist wahr! Nach den Weltuntergangsfluten, die hier im Januar runtergekommen sind, ist hier eindeutig Frühling. Her mit der Sonnenbrille!

Und zum Schluss schreibt er über Abschied nehmen und die Leute, an die er sich so gewöhnt hat in der Zeit. Also bei mir ist es zwar noch nicht so weit, dass ich Freunde in den Rest der Welt verabschieden musste. Aber geben wirs zu, natürlich denken wir auch daran. In diesem Sinne hab ich auch schon einen Termin in Kalabrien. Eine ganz andere Sache ist aber das “Gewöhnen”. Ich befinde mich offensichtlich in einem Schwebezustand, indem meine Amerikanisierungsversuche von unausradierbaren europäischen Einflüssen unterminiert werden. Wie schon einmal versichert, kann ich ganz hervorragendes Amerikanisch. Meistens zumindest. Komme da ein Brite dazwischen und alles ist dahin. Oder ich laufe in einer undefinierbaren, sonst unauffälligen Gruppe neben dem Schweden durch die Stadt und sofort ist klar – die können nich von hier sein. Oder die Musikwünsche an den DJ. “Wie? Mando Diao? Wer sind the Kooks? Nein, ich habe noch nichts von den Ting Tings gehört. Wer soll das sein?!” Vorgestern ist mir allerdings ein Coup an Anpassung gelungen, der nun wirklich perfekt war. Ich habe mich überwunden und die Schwelle übertreten. Endlich. Ich habe mir einen Hoodie gekauft, auf dem BERKELEY steht. Und Shorts, da steht Cal drauf. Und einen coffee-to-go-Becher mit dem Unilogo. Und mit allem zusammen bin ich dann über den Campus spaziert. Totaaaal integriert aber wahnsinnig erhebend.

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